Distanzsport in Coronazeiten

Virtuelle und reale Wettbewerbe

Kaum war der Corona-Lockdown beschlossene Sache, hatten zwei Distanzreiterinnen unabhängig voneinander eine zündende Idee. Inspiriert von der amerikanischen Warhorse-Challenge riefen die Berlinerin Michaela Wilczek und Lisa Weißenberger aus Bayern zum „Distanzritt von Zuhause“ auf. Ziel war und ist es, eine bestimmte sportliche Leistung zu erbringen – und zwar in beiden Modellen 160 km zu reiten, also die Königsdisziplin, den Hundertmeiler, jedoch in mehreren Etappen – und diese zu dokumentieren. Dazu sollten die Strecken per App aufgezeichnet und mit Fotos und Videos ergänzt werden. Zur Teilnahme waren Pferdesportler bundesweit und aus ganz Europa aufgerufen. Die Berliner Herausforderung „Mut zur Strecke“ startete am 1. Mai und gibt den Sportlern noch bis 1. Dezember Zeit, 160 km zu absolvieren, egal in wie vielen Etappen und ganz gleich, ob auf dem Platz oder im Gelände. Es darf geritten, gefahren, geführt und selbst longiert werden. Über 1.000 Sportler zwischen 3 und 81 Jahren nahmen die Herausforderung an und gingen mit allem, was vier Hufe hat, sogar mit einem Ochsen an den Start. Ganz klar steht hier der Spaßfaktor im Vordergrund. Ganz nebenbei hat es Landestrainerin Michaela Wilczek mit ihrer Idee jedoch geschafft, viele Pferdesportler und vor allem Freizeitreiter, die noch nie etwas mit dem Langstreckensport zu tun hatten, für Distanzreiten bzw. -fahren zu interessieren. Davon zeugt auch der rege Austausch in den sozialen Medien. Das Gleiche gilt für die bayrische Challenge „Plan D“, welche es jedoch erheblich sportlicher angehen lässt. Hier ist der Hundertmeiler in acht Wochen zu absolvieren und gewertet werden nur Strecken ab mindestens 10 km Länge, was rund gerechnet auf mindestens zwei längere Ausritte pro Woche hinausläuft. – Das wiederum entspricht recht gut dem Trainingspensum, welches ein Pferd benötigt, um seinen ersten Wettkampf zwischen 25 und 50 km zu bestreiten. „Plan D“ wird in zwei Zeitfenstern von Mai bis Juni und von Juli bis August geritten, gewürzt mit freiwilligen Sonderaufgaben wie ein bestimmtes Tempo Halten, in den Sonnenaufgang Reiten, möglichst viele Höhenmeter Sammeln u.v.m. Gestartet wird allein und in virtuellen Vierer-Teams. Auch hier gab es hunderte von Anmeldungen, und wie auch bei „Mut zur Strecke“ fanden sich zahlreiche Sponsoren. Wer „Plan D“ erfolgreich absolviert, kann nach zwei Monaten mit einem gut trainierten Pferd an den Start gehen. Die Autorin nahm die Herausforderung ebenfalls an. Sie hat mit dem 28jährigen Distanz-Veteranen Ramadan ox das erste Zeitfenster bereits beendet und absolviert mit ihrem 8jährigen Nachwuchspferd Karenin xx nun das zweite.

Ganz real starteten die Brandenburger Distanzsportler zum ersten Mal nach Lockerung der Kontaktbeschränkungen wieder am 4. Juli bei der 12. Elchdistanz in Ützdorf. Ganz bewusst waren für den Anfang der Wettkampf-Phase nur ein Einführungs- und ein kurzer Ritt ausgeschrieben. Natürlich war hier im Vorteil, wer auch während des Lockdowns die Chance gehabt hatte, sein Pferd angemessen zu bewegen, wenngleich bei den vorgegebenen Streckenlängen ein zuvor halbwegs gut trainiertes Pferd kein wirkliches Aufbautraining benötigte – ein solches wäre über das hinausgegangen, was während der strengen Phase des Kontaktverbotes erlaubt gewesen wäre.

Den Sieg über 41 km erritt in flotten 16,8 km/h eine Dreiergruppe, bestehend aus Nicole Bernhardt mit dem Traber Mi Corazon, Susanne Resnitschek mit der Warmblutstute Lajana und Natascha Schlegel mit ihrem Appaloosa-Mix Buck Kid Pride. Auf Platz vier kam das Dreigespann aus dem Stall von Landestrainerin Michaela Wilczek, die ihren C’est la vie gesattelt hatte, sowie Patricia Ziegert mit Le Pars und Katherina Gericke mit Gold Boy in 16 km/h. Dahinter sah man nach einjähriger Pause die Landesmeisterin von 2018 Maria Lippert mit Al Mashhar al Azim in 15,7 km/h. Die 25 km konnten geritten und gefahren werden, wobei lediglich in Leistungsklassen gewertet wurde. Hier gingen 13 Reiter und ein Fahrer an den Start.

Mit 50 Teilnehmern, von denen 48 anreisten, war die erste Distanzsport-Veranstaltung des Corona-Jahres in Brandenburg komplett ausgebucht. Besonders erfreulich war, dass es keinen einzigen Ausfall gab, was zeigt, dass alle Starter verantwortungsvoll mit ihren Pferden umgegangen waren und ausschließlich gut vorbereitete Pferde an den Start gebracht hatten. Ein großes Dankeschön geht auch an die Veranstalterin Jana Scheffel, welche die Mühen auf sich genommen hat, alle Hygiene-Maßnahmen zu erfüllen und die Veranstaltung so überhaupt möglich zu machen.

Miriam Lewin