Andrea und Stella Herlt 2014

Die Landesmeisterin, die von ihrer Tochter lernte

Die Landesmeisterschaft 2013 im Distanzreiten endete im Sommergewitter mit dem Sieg von CD Zenith unter Andrea Herlt, die sich gegen ein großes, ehrgeiziges Starterfeld und auch gegen die eigene ambitionierte Tochter Stella mit Asdiqa bint el Asaran durchsetzte. Wie kam es dazu?

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Seit 2007 lebt Familie Herlt mit derzeit fünf Pferden – vier Vollblutarabern und einem Partbred –einem Sheltie, einem Australian Shepherd und einem zugelaufenen Kater in Quermathen, zehn Kilometer südlich von Nauen. Aktiv im Sattel sind nur Andrea Herlt (50) und Tochter Stella (26). Doch ohne die Unterstützung ihrer Männer, so Andrea, wäre ihnen dieser Sport nicht möglich. Auch über die Anschaffung eines neuen Tieres, egal, ob Pferd, Hund, Katze, Maus, entscheide der Familienrat, „weil jeder auch die Verantwortung übernimmt“. Dabei war der Umzug aufs Land allein den Pferden geschuldet, denn alle Familienmitglieder arbeiten in Berlin, Andrea im physiotherapeutischen Management in Charlottenburg, ihr Lebensgefährte als Physiotherapeut mit eigener Praxis im Grunewald und Stella bis vor kurzem als Physiotherapeutin in Mitte und zusätzlich als Tierosteopathin in Berlin und Brandenburg. – Zurzeit ist sie im Schwangerschaftsurlaub, nachdem sie endlich jemanden gefunden hat, der „a) in Quermathen, b) in der Nähe ihrer Eltern und c) mit ihren ganzen Tieren leben möchte“. Nachwuchs wird im März erwartet, die Hochzeit soll dann im August stattfinden. – „Reiten will ich aber trotzdem!“, beharrt Stella. „Auch Distanzen!“ – An diesem Punkt des Gespräches erhebt sie zum ersten Mal die Stimme. Denn eigentlich ist sie eher der ruhige, nachdenkliche Typ, während die kleine, zierliche Andrea die Agile, Wortgewandte ist. – Doch der äußere Schein trügt, sobald es um den sportlichen Erfolg geht. „Ich bin nicht sehr ehrgeizig“, räumt Andrea ein, „im Sport nicht und auch nicht im normalen Leben.“ Und so war sie viele Jahre lang mit ihrem Freizeitpferd Luigi, einem Araber-Holsteiner, zufrieden auf kurzen Distanzen unterwegs und hat Tochter Stella betreut, die von Anfang an wettkampforientiert als Jugendliche und Junge Reiterin im Distanzsport aktiv war. Mit ihrem eigenen Pferd Ali Baba hatte sie sich in jungen Jahren schon in den Landeskader Berlin-Brandenburg hineingeritten. Leider erkrankte der Schimmel, den Stella in vielen Aspekten ihren Lehrmeister nennt, an Borreliose und einem lange unerkannten Stoffwechselproblem, sodass ihm die ganz große Karriere versagt blieb. Ungeachtet dessen feierte er unlängst noch einmal ein Comeback auf der langen Strecke, bis ihn ein tragischer Koppelunfall im vergangenen Jahr das Leben kostete. „Luigi und Ali haben damals auch für unsere Anfängerfehler herhalten müssen“, bekennt Stella.

Für die großen Ritte bekam sie Pferde zur Verfügung gestellt, so Kiasso von Sybill Matzdorf, mit dem sie 2008 den siebten Platz bei der Deutschen Jungendmeisterschaft und Platz vier in der nationalen Wertung belegte, und verschiedene Pferde von Sian Griffiths.

Die in Mecklenburg ansässige Trainerin wurde „ein Meilenstein“ in Stellas Ausbildung, die wiederum ihr Wissen und Können an Andrea weitergab. „Ohne Sian wäre mein Ali Baba nie wieder in den Sport zurückgekehrt, und unsere Pferde wären nicht da, wo sie jetzt sind“, sagt Stella. „Sian hat mir von der Pike auf gezeigt, wie ich mein Pferd auf den Distanzsport vorbereiten muss.“

Von diesem Wissen hat die Mutter ebenso profitiert: „Gymnastizierung ist die Basis für jedes Reiten und natürlich auch im Distanzsport“, sagt Andrea. „Die Pferde müssen erst einmal in die Lage gebracht werden, so viele Kilometer gesund durchzuhalten. Ein nicht gymnastiziertes, unbalanciertes Pferd ist dazu nicht fähig. Ausrüstung, Grundausbildung, Konditionierung, das muss einfach alles stimmen bei diesen langen Strecken und in diesem hohen Tempo. Das ist kein schneller Erfolg. Das ist ein Erfolg, der sich dann von selbst einstellt, wenn man ein Pferd über Jahre hinweg kontinuierlich aufbaut. Ich bin ja nicht vor vier Jahren losgegangen und habe gesagt, jetzt kaufe ich mir Zenith, um 2013 mit ihm Landesmeisterin zu werden!“ Nein, es sei nicht der plötzliche Antrieb gewesen, ihrer Tochter im großen Sport nachzueifern, den Andrea dazu veranlasst hatte, gezielt nach einem Leistungsträger zu suchen. Doch Luigi wurde älter, und sein Gesundheitszustand ließ bald keine Distanzritte mehr zu. Und dann fiel Andreas Entscheidung konsequent aus: „Von der Gesundheit, vom Gebäude und von den Voraussetzungen her wurde ich wählerisch. Ich habe nach einem Pferd mit einem starken Laufwillen gesucht, so wie Stellas damaliges Leihpferd Zyra. Deren Abstammung hatte ich mir aufgeschrieben.“ – Ein Vollblutaraber sollte es sein, einer mit den alten polnischen Linien im Blut. Durch Zufall fand sie in Hildesheim den Tahil Ibn Mameluk-Sohn CD Zenith aus der Galib ben Afas-Tochter Zahady, die wiederum aus einer Mors-Mutter gezogen wurde. Damit sind zwei der Elitehengste der bedeutenden Rostocker Zucht in Zeniths Pedigree mütterlicherseits vereint. „Zenith ist eher ein unsicheres, ängstliches Pferd mit einem ausgeprägten Laufwillen. Die Geister, die ich rief …“, sagt Andrea über den Fuchs. „Es war wirklich anstrengend, Ruhe in ihn hineinzubekommen und ihm ein kontinuierliches Tempo beizubringen. – Das hat er nicht von selbst angeboten. Jetzt nach vier Jahren waren er und Asdiqa endlich so weit, gesund und munter – und entspannt für uns – eine solche Strecken laufen zu können.“

Auch Asdiqa bint el Asaran geht mütterlicherseits über Arielle und El Amirah auf Galib ben Afas und Mors zurück. Als „sehr anspruchsvolles Pferd“ beschreibt Stella die Stute. „Genie und Wahnsinn liegen bei ihr dicht beieinander.“ Die Stute aus der Zucht von Gabriele Borowicz lebt vom Jährlingsalter an bei den Herlts, aber „erst von dem Moment an, wo ich begonnen habe sie zu reiten, sie zu fordern, ihr Dinge beizubringen, wurde das eher schwierige Verhältnis besser“, so Stella. „Ich kann sie nicht so von Herzen lieben wie meinen Ali, sondern wir verstehen uns, weil wir zwei Sportler sind, die gemeinsam dasselbe Ziel verfolgen.“

Zurück zur Landesmeisterschaft 2013: „Asdiqa ist auf den letzten fünf Kilometern langsamer geworden“, erzählt Stella. „ Und ich wusste, wenn ich sie jetzt da durchtreibe, dann habe ich mir ihr Vertrauen verscherzt. Und das war mir kein Titel wert.“

„Mein erster Gedanke war: Wir bleiben zusammen wie immer! Aber Stella hat mir die Hölle heiß gemacht und gesagt: ,Wir sind jetzt hier nicht so weit gekommen, um aufzugeben, lass dein Pferd das laufen, was es laufen möchte!‘ Wir hatten eine solche Situation geübt. Die Pferde lassen sich während des Rittes problemlos voneinander trennen. Zenith ist dann alleine weitermarschiert. Aber mir war nicht wohl bei dem Gedanken, Stella, die zu der Zeit bereits schwanger war, da draußen im Unwetter zurück zu lassen.“

Im Nachhinein sagt Andrea Herlt: „Klar bin ich stolz darauf, dass sich das mit dem Titel so ergeben hat. Und es hat Spaß gemacht! Aber das ist nicht das Wichtigste. Zenith ist ein wunderbares Pferd und mein Freund, den ich sehr gern habe, sein Wohlergehen hat immer Vorrang.“

Aufgezeichnet von Miriam Lewin, erschienen in „Reiten und Zucht in Berlin und Brandenburg-Anhalt 2/2014