Andy Schramke 2013

Plötzlich Landesmeister

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RuZ: Andy, du lebst in Gransee, aber du hast dich erst als Brandenburger enttarnt, als sich der sportliche Erfolg einstellte.
Andy: Richtig. Ich hab damals als Landwirt in Mecklenburg gearbeitet, und irgendwie war beim VDD diese Adresse noch eingetragen. – Bis dann mal der Landesbeauftragte ankam und fragte: Sag mal, wo wohnst du eigentlich?

RuZ: Da stelltest du schon eine ernsthafte Konkurrenz für die Brandenburger dar. – Wie bist du denn überhaupt zum Reiten gekommen?
Andy: Durch Bekannte, die Ponys hatten. Mit 18 Jahren hab ich angefangen. Vorher hatte ich nie was mit Tieren zu tun gehabt. Aber das hat mir Spaß gemacht, und dann wurde es immer mehr, immer mehr … Und irgendwann war’s dann ein eigenes Pferd.

RuZ: Und warum Distanzsport?
Andy: Meine damalige Freundin ist Distanzen geritten, und da bin ich irgendwie mit reingerutscht. Außerdem habe ich auch mal Bekannte getrosst und war als Helfer auf unterschiedlichen Distanzritten.

RuZ: Und deshalb musste es dann auch ein Distanzpferd sein?
Andy: Überhaupt nicht. Mein erstes Pferd war ein Hannoveraner. Einfach nur so, aus Spaß am Reiten.

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RuZ: Jetzt hast du aber doch eine Araberstute?
Andy: Sameeyah war drei, als ich sie geholt habe. Das war vor zehn Jahren. Ich habe sie in Wittstock vom Züchter gekauft, aber auch nicht gezielt für den Sport. Irgendwann habe ich einfach mal einen Distanzritt mit ihr ausprobiert. Da es uns beiden Spaß gemacht hat, sind wir dabei geblieben.

RuZ: Hast du Sameeyah selbst ausgebildet?
Andy: Ja, klar, die konnte damals noch nicht wirklich was. Aber man wächst mit seinen Aufgaben. Man guckt sich bei anderen Leuten was ab, auch auf den großen Turnieren, wie beim CSI auf der Hippologica oder auf Distanzritten, und probiert aus, was am besten zu einem passt. Dann startet man einfach mal und schaut ob alles klappt.

RuZ: Du hast gleich mit mittleren Strecken ab 61 Kilometer angefangen und seitdem hat dich der Sport nicht mehr losgelassen. Warum?
Andy: Irgendwann reizt es einen. Klar, fragt man sich manchmal: Wofür betreibe ich diesen Aufwand, das frühe Aufstehen, den ganzen Stress …? Aber wenn man dann nach dem Ritt zufrieden nach Hause fährt, ist das alles wieder vergessen. – Und man lernt viele Leute kennen, reitet in unterschiedlichen Landschaften … Ja, schon, die erste Runde LDR ist schwer. Du sagst dir: dreißig Kilometer, und du fängst erst an! Aber wenn man erst mal die Hälfte geschafft hat, wird es leichter, und dann sind es nur noch vierzig Kilometer, nur noch zwanzig … Und schließlich bist du im Ziel.

RuZ: Seit der letzten Saison kam bei dir dann auch der Ehrgeiz mit ins Spiel.
Andy: Klar. Bei den ersten Ritten habe ich mir noch gesagt: mitmachen, ankommen, mal gucken, was passiert. Aber je höher ich Sameeyah trainiere, desto mehr Ehrgeiz entwickelt auch die Stute und will vorne mithalten. Auf den ersten fünfzig-sechzig Kilometern ist sie dann echt anstrengend.

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RuZ: Bei ihr ist es offenbar eine Kopfgeschichte, dass sie Probleme mit zu hohen Pulswerten hat. Wie gehst du damit um?
Andy: Ausprobieren, es drauf ankommen lassen. Jeder Ritt ist anders. Du musst dich immer darauf einstellen: Andere Starterzahlen, ein anderes Grundtempo. Ich versuche, im Wettkampf möglichst das Tempo zu reiten, das ich auch zu Hause trainiere, so zwischen 14 und 16 km/h, abwechselnd Trab und Galopp, wobei ich mich anfangs bemühe, Sameeyah zu regulieren und zu traben. Wenn sie etwas ruhiger wird, versuche ich mehr zu galoppieren, um sie in Schwung zu halten. Bei der Landesmeisterschaft im vergangenen Jahr sind wir auf der letzten Runde mit 19 km/h an Jana Weingart vorbei gegangen, die in Führung lag. Ich hab Sameeyah dann locker weitergaloppieren lassen, um noch etwas Zeit gut zumachen. Das Wetter war den ganzen Tag über sehr schwierig gewesen, schwül-heiß und wechselhaft. Zum Glück gab‘s kurz vorm Ziel noch einen Schauer, der den Pferden Erfrischung gebracht hat. Für Sameeyah und mich war es immerhin schon der zweite 120-km-Ritt der Saison nach dem schweren CEI** in Luhmühlen.

RuZ: Wie waren Sameeyahs Pulswerte im Ziel?
Andy: Wir haben uns Zeit gelassen zum Kühlen und erst kurz vor Ablauf der 30 Minuten mit Puls 60 vorgestellt. Das hat gepasst.

RuZ: Damit warst du Landesmeister. Aber zuvor konntest du auch schon erste internationale Erfolge verzeichnen.
Andy: Das war 2011 der zweite Platz beim CEI1* im Glien über 81 km hinter Kerstin Deichmüller. Da hatte ich ruhig angefangen, aber die letzte Runde sind wir mit 25 km/h gegangen. Das war sicher riskant, hat aber geklappt. 2012 in Luhmühlen haben wir dann die zwei Sterne international geknackt und sind auf den sechsten Platz gekommen, als zweitbeste deutsche Starter. – Ich hatte zuvor überhaupt nicht bewusst die Novice-Quali absolviert. Irgendwann waren die beiden mittleren und die beiden langen Ritte beisammen, und das CEI in Bötzow fand gleich um die Ecke statt …

RuZ: Du bist also eher schleichend auf die Leistungssport-Schiene gekommen?
LM_2012_cAndy: … habe dann aber kontinuierlich daran weitergearbeitet und mir auch Ziele gesteckt – wie eben im letzten Jahr vor allem den internationalen Start in Luhmühlen. Die Landesmeisterschaft zwar auch, allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass es da für uns so bombig laufen würde. In dieser Saison sind nun die 160 Kilometer gesteckt.

RuZ: … bei der Deutschen Meisterschaft im Glien?
Andy: Aber nur auf Ankommen, und um den dritten CEI-Stern zu erreiten.

RuZ: Ein Statement zum Schluss – was würdest du dir für den Distanzsport im Allgemeinen wünschen?
Andy: Dass im internationalen Sport nicht immer mehr an der Temposchraube gedreht wird. Die Pferde werden immer jünger und sollen immer schneller laufen, und der Leistungsdruck wir immer größer. Ich habe immer versucht, auf mein Pferd aufzupassen. Sameeyah wurde zum Beispiel erst mit 7 Jahren angeritten und langsam auf die großen Wettbewerbe vorbereitet. Beim nationalen Reglement würde ich mir wünschen, dass die Organisation der nationalen Ritte mit zentralem Vet-Gate usw. mehr an das FEI-Reglement angepasst wird. International sind die Abläufe viel klarer und dadurch wird der Wettbewerb fairer. Die Gemeinschaft hast du natürlich mehr auf den nationalen Ritten, das Familiäre mit abends Zusammensitzen und Grillen und Schnacken über Gott und die Welt.

RuZ: In diesem Sinne: Dir noch viele schöne Grillabende und sportliche Erfolge für dich und Sameeyah!

Interview mit Miriam Lewin, Erschienen in „Reiten und Zucht“ 2/2013