Alexandra & Maria Hanssen 2017

„Natürlich will ich gewinnen“

Eine Begegnung mit den Distanzreiterinnen Alexandra und Maria Hanssen

Es ist der erste Frühlingstag, an dem ich mich mit Alexandra und Maria Hanssen, Mutter und Tochter, auf ihrer kleinen Offenstallanlage im Westen Berlins treffe. Hier betreuen sie ihre drei eigenen Stuten als Selbstversorger: Haara, die Partbred-Arabestute, mit der Alexandra 2016 den Landesmeistertitel gewonnen hat, Habibti (Haaras Tochter, ein Weideunfall mit Isländerblut) und Armangac, die Englische Vollblutstute aus dem Rennstall von Galoppertrainer Lutz Pyritz in Dresden, die eigentlich für größere Aufgaben vorgesehen war, sich aber im letzten Jahr eine böse Hufverletzung zugezogen hatte und pausieren musste.

Maria fegt die Fressplatte so sauber, als handele es sich um das eigene Wohnzimmer. Die Wochenenden und ein-zwei Nachmittage in der Woche verbringt sie hier, halt so, wie es die Schule zulässt. Maria wäre schon 2016 für die Landesjugendmeisterschaft qualifiziert gewesen, bekam aber keine Starterlaubnis, weil sie zu jung war. Im Dezember wird sie 14, deshalb ist der Kurs in dieser Saison ganz klar auf die LJM im September in Britz ausgelegt. Und Mutter Alexandra hofft, ihren Landesmeister-Titel mit einer gesunden Armangac verteidigen zu können.

Die drei Stuten gehören zur Familie, ebenso wie die drei Hunde (zwei davon spanischen Windhunde von der Straße). Ihre Pferde im Wettkampf zu verheizen, ist für Alexandra Hanssen unvorstellbar. Natürlich habe sie Ehrgeiz, räumt sie ein, und sie möchte gewinnen. Aber die Auswüchse, die der professionelle Distanzsport in Ländern wie den VAE zeigt, befürchtet sie in Deutschland nicht. Der Distanzsport hier, so erklärt sie zutreffend, sei nicht kommerziell. Es gibt nichts zu gewinnen, nicht einmal Preisgelder wie im Turniersport, hingegen sind Startgebühren und Zeitaufwand extrem hoch.

Alexandra Hanssen hat auch hauptberuflich mit dem Pferdesport zu tun. Sie ist Trainer B mit Schwerpunkt Dressur und arbeitet als Reitlehrerin in der Berliner Reitschule Sinka-Weber im Grunewald. Früher sei sie auch sehr gerne Springen geritten („ich war ein richtiger Kamikaze“), hatte dann aber nicht das richtige Pferd dafür und schwenkte auf Dressur um. Aber auch hier machte ihr das Pferd einen Strich durch die Rechnung. Die in Polen gekaufte Trakehner-Angloaraberstute wurde lungenkrank, und der Tierarzt riet zu längeren Galoppaden um Gelände. „Da habe ich dann schon Distanzen trainiert ohne es zu wissen, und es hat großen Spaß gemacht.“ Zwei Freundinnen, die bereits Einführungsritte absolviert hatten, überredeten sie schließlich, auch einmal mitzumachen, und so startete sie bei ihrem ersten Einführungsritt mit dem Leihpferd Quando und gewann, weil der Warmblüter extrem gute Pulswerte hatte. Das motivierte, und sobald Haara dann alt genug war, setze Alexandra sie zunächst auf kurzen Strecken ab 55 km ein: Der erste Ritt ebenfalls ein Sieg. Über die Jahre steigerte sie – mit nicht mehr als zwei bis drei Starts pro Saison – allmählich die Anforderungen („wenn man zum ersten Mal 55 km geschafft hat, glaubt man, nie jemals 75 km zu überleben – und doch steigert man sich langsam immer weiter“). Im letztem Jahr sind die beiden schließlich bei der LM zum ersten Mal über 120 km gestartet – und wurden mit dem Titelgewinn belohnt.

Da Haara ihr Fohlen bereits 4jährig ausgetragen hatte und Habibti trotz (unbeabsichtigter) Inzucht ein korrektes, charakterlich einwandfreies Pony geworden war, stand dann auch gleich ein Pferd für Tochter Maria zur Verfügung, mit dem sie – die Berichterstatterin erinnert sich lebhaft – 2013 den eigentlich als „geführten Kinderritt“ gedachten WBO-Wettbewerb über 10 km in Zernikow im Galopp gewann. Das schien manchen Zuschauern damals übertrieben, erweckte bei anderen aber definitiv den Eindruck, dass das 9jährige Mädchen mit dem 5jährigen Pony einfach nur Riesenspaß hatte!

Mit Haara ist demnächst noch einmal Nachzucht geplant („das habe ich ihr versprochen, wenn sie mich über die 120 trägt“, sagt Alexandra Hanssen). Als Deckhengst hat sie den Partbred-Araber Grand Coleur ausgesucht, der sowohl durch Leistung als auch durch seine außergewöhnliche Farbe besticht: der Cremello-Hengst hat 2016 des VDD-Championat der 5jährigen Distanzpferde gewonnen.
Nach internationalen Ambitionen befragt, denkt Alexandra da eher an ihre Tochter: In dieser Saison soll Maria jedoch zunächst einmal die Landesjugendmeisterschaft in Angriff nehmen. Alles andere ist Zukunftsmusik.

Miriam Lewin