Carla Lakenbrink 2018

Carla und der Tevis Cup

Erfahrungen einer Berliner Distanzreiterin in den USA

Carla Lakenbrink ist 23 Jahre alt und studiert Medizin im achten Semester an der Berliner Charité. Im Jahr 2011 wurde sie mit Pony Jasper Berlin-Brandenburger Jugendmeisterin im Distanzreiten. Sie war einige Jahre lang Mitglied im D-Kader, hatte Statistiken angeführt und sich brav und irgendwie unauffällig mit dem von Mara Schima zur Verfügung gestellten Schimmelpony, Stockmaß 138 cm, über die langen Strecken gekämpft. Dann plötzlich, im Jahre 2015, war sie von den VDD-Ergebnislisten verschwunden, während Jasper mit anderen Reitern unterwegs war. – Im Dezember 2017 taucht Carlas Name wieder auf – und zwar als Dritte im Landepokal und als aktivste Reiterin mit 1.704 Jahres-Kilometern – zusammengeritten in Utah, Colorado, Nevada, Wyoming, Arizona und Kalifornien. Hätte sie im August den Tevis Cup bezwungen, bekannt als der „berühmteste und schwierigste Distanzritt der Welt“ (so die Tevis-Homepage), wären es 1.864 Kilometer gewesen. Zwei Wochen später wurde sie Vierte bei den AERC (American Endurance Ride Conference) National Championships in Colorado, wobei sie am Tag vor dem Hundertmeiler noch eben 80 Kilometer mit einem anderen Pferd absolviert hatte.

Carla mit GE Nightly Whispurr (Foto: Steve Bradley)

Carla war 17, als im Jahr 2011 ein Distanzreiter auf dem Regionaltreffen in Potsdam einen Bildvortrag über seine Ritterfahrungen in Utah hielt. Carla war überwältigt – da wollte sie hin! Ein halbes Jahr später (sie hatte gerade ihr Abi in der Tasche) nahm sie Kontakt mit Christoph Schork auf. Der gebürtige Deutsche, der vor vielen Jahren in die USA ausgewandert ist, betreibt dort sein „Global Endurance Training Center“, das, wie er es selbst beschreibt, „spezialisiert ist auf Auswahl, Training und Zucht außergewöhnlicher Pferde, die im Distanzsport bestechen“. Schork trainiert und vermietet Pferde gezielt auch auf den Tevis Cup hin. – Aber davon wagte Carla im Jahre 2012 noch nicht zu träumen. Sie bekam Schork ans Telefon, und der sagte nur: „Gut, kannste kommen.“ Beim ersten Mal waren es drei Monate – von Oktober bis Januar. Mit Winter hatte sie in der Wüste nicht gerechnet. „Wir hatten -20°C und Schnee ohne Ende, und ich habe viele Morgen damit verbracht, die Wassertröge vom Eis zu befreien.“ Trotzdem wollte sie wieder hin. Im Sommer. Und im Jahr darauf, und im kommenden Jahr wieder. „So hat sich eine Freundschaft entwickelt. Einmal im Jahr komme ich vorbei.“ In Moab, Utah. 2017 wollte sie eigentlich als Erasmus-Studentin in die Türkei, doch die politische Entwicklung dort hielt sie davon ab. Ihr Vater brachte sie schließlich auf die Idee: „Du hast doch ständig von diesem Tevis erzählt. Wenn du den reitest, dann komme ich und trosse dich.“ Damit war das Urlaubssemester beschlossene Sache. Sechs Monate mussten es schon sein. „Ich wusste, dass der Tevis schwieriger sein wird als alles, was ich kenne, dass ich Zeit brauchen würde, um mich vorzubereiten. Wenn du dort in der Wüstenhitze bei 40 Grad oder auf 2.000 m Höhe reitest und die Berge hochrennst, dann merkst du, dass du hier aus dem grünen Flachland kommst. Viele Basecamps liegen schon auf über 1.000 m Höhe, und von dort geht es auf 2.000 bis 3.000 m hinauf. Auf einem der ersten Ritte, dachte ich zunächst: ‚Warum liegt hier nur Schnee?‘ – Und dann: ,Warum geht es mir plötzlich so schlecht?‘ – Das war nach einem langen, steilen Anstieg. Wir waren fast alles neben dem Pferd hergelaufen. Christoph schaute mich an und sagte: ‚Das passiert selbst den Profis. Du steigst jetzt auf und trinkst alles Wasser, was du dabei hast. Wie hoch liegt eigentlich nochmal Berlin?‘ Ich sagte: ‚Schätzungsweise 35 Meter über dem Meeresspiegel.‘ – ‚Gut‘, sagte er, ‚wir sind hier auf 10.000 Fuß, das sind 3.050 Meter, und du sagst bitte Bescheid, bevor du vom Pferd fällst.‘ Da habe ich zum ersten Mal begriffen, dass man auch lernen muss, sich selbst zu managen. Ich hatte viel zu wenig getrunken.“

Beim Tevis darf die Crew nur selten an die Strecke heran. Es gibt nur zweimal eine Stunde Pause. Von Christoph hatte Carla gelernt: Die Uhr tickt immer. Natürlich muss dein Pferd Zeit zum Fressen haben, aber du darfst nicht hier eine Viertelstunde und da zehn Minuten stehenbleiben, dann fehlt dir am Ende die Zeit. Jedes Jahr werden Reiter wegen overtime disqualifiziert. Die 160 km müssen inklusive zweimal 60 min Pause in 24 Stunden bewältigt werden; zudem gibt es Zeittore für die einzelnen Streckenabschnitte. Begeistert beschreibt Carla die Atmosphäre in den Vetchecks: „Du kommst da rein in Robinson Flat oder Foresthill, kommst du diese Straße hochgeritten und da stehen Menschenmassen! Und du denkst, hey, wir sind hier wirklich wichtig! Es gibt Tausende an freiwilligen Helfern in diesen Stopps, wo du niemanden siehst von deinem Team. Die reichen dir Wassermelone, Kekse, Mash für dein Pferd, hier Karotten, da Heu oder Luzerne, was möchtest du haben, alles … da sind die Toiletten, gib uns mal deine Wasserflaschen, wir füllen die auf und dann gehst du zum Tierarzt …“

Carla mit GE TC Mounshine und Christoph mit Pistol Annie (Foto: Stever Bradley)

GE Starlit Way heißt der 14jährige Araberwallach, mit dem Carla ihren ersten Tevis in Angriff genommen hat. „Starlit ist mit 1,52 cm ziemlich kompakt, das mag ich, so einen kleinen Motor unter mir.“ Und: „Natürlich hoffst du, ins Ziel zu kommen. Aber früh morgens im Dunkeln bist du erst mal froh, wenn du den Massenstart mit 200 Pferden überstehst. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich Starlit reiten wollte. Von dem wusste ich: Der will einfach nur laufen und stellt nicht noch irgendwas an. Er hatte den Tevis schon zweimal gemeistert. Mit dem Pferd fühlte ich mich sicher. Gescheitert sind wir bei 85 Meilen letztlich aufgrund einer Lahmheit, die durch eine Scheuerstelle bedingt war. Zwar war ich zu dem Zeitpunkt auch schon kaputt, aber wenn mit Starlit alles in Ordnung gewesen wäre, hätte ich es geschafft. – Ich war sehr gut vorbereitet. Ich habe alle Distanzritte mitgenommen, die ich mit Christoph reiten konnte, ich bin geschwommen, ich saß mehrmals täglich im Sattel, ich bin gerannt und Mountainbike gefahren, ich bin am Tag allein bis zu 12 km auf dem Hof gelaufen. So viel Sport habe ich noch nie in meinem Leben gemacht. Beim Tevis aber dachte ich mit zunehmender Strecke: Das schaffe ich nie!“ Das „Hoffentlich-kommen-wir-an“ reduzierte sich von Stopp zu Stopp auf „Wir-geben-unser-Bestes-und-schauen-mal-wie-weit-wir-kommen.“

Für die Teilnahme an der AERC Nationalmeisterschaft brauchte Carla 500 USA-Langstrecken-Meilen (800 Kilometer) in der Wertung, ebenso das Pferd, und sie benötigten einen gemeinsamen Hundertmeiler. Diese Voraussetzungen erfüllte die elfjährige Araberstute GE Medinah MHF. „Ich habe zunächst ein paar 50-Meiler mit ihr absolviert. Das fühlte sich gut an, und dann hat der erste Hundertmeiler am Big Horn im Juli auch super geklappt.“ – Da wusste Carla dann, dass sie ein paar Flüge umbuchen muss – um nach dem Tevis noch zwei Wochen länger zu bleiben.

Aufgezeichnet von Miriam Lewin