Harald Braun 2008

Dressur ist unabdingbar

DER Landesmeister 2007 im Distanzreiten, über die Disziplin im Allgemeinen und über sein Pferd Tango Lady im Speziellen

Start

Im September 2007 wurde Harald Braun in Kagel mit seiner erst neunjährigen Englischen Vollblutstute Tango Lady Berlin-Brandenburgischer Meister im Distanzreiten. Schon in den beiden Vorjahren hatte er mit dem zeitig im großen Sport eingesetzten Pferd nach dem Titel gegriffen, war aber gescheitert: 2005, weil sein Pferd – irritiert von dem Menschenauflauf im Ziel – nach 120 Kilometern in Führung erst eine Vollbremsung einlegte und sich dann aufzuregen begann, sodass ein zu hoher Puls in der Nachkontrolle zum Aus führte. 2006 konnte Tango Lady den diesjährigen Vizemeister Kiasso unter Sybill Matzdorf noch nicht schlagen, es reichte aber immerhin schon für Platz Drei.

Unter Distanzreitern gilt Harald Braun als bunter Vogel, der auf konventionelle Ausrüstung pfeift, sich erst zum internationalen Debüt 2007 mal einen richtigen Reithelm zugelegt hat und bei Siegerehrungen statt in Schwarz-Weiß im maßgeschneiderten Anzug antritt.

In seiner Neuköllner Wohnung sprach der gelernte Zootechniker und Tierarzthelfer über Trainingsmethoden, Reitweisen, sportliche Ziele und Wünsche – und natürlich über Tango Lady. Er hat die großrahmige braune Stute zweijährig praktisch von der Wiese weg gekauft. Für 500 D-Mark. Damals war sie so unterentwickelt gewesen, dass man sie für den Galopprennsport schlichtweg ignoriert hatte.

LM_1

„Bei der Arbeit hat sich herausgestellt, dass Lady einen sehr eigenwilligen Kopf hat“, erzählt Harald Braun, „die hat gebissen und geschlagen. Eigentlich hatte ich sie für den Preis nur mitgenommen, um sie anzureiten und weiterzuverkaufen. Aber mit der wäre ja kein Mensch klargekommen! Genau das war die Herausforderung. Es hat Jahre gedauert, bis das Grundvertrauen da war. Aber wenn du so ein kompliziertes Pferd erst einmal auf deiner Seite hast, dann hast du mit Sicherheit einen Freund fürs Leben.“

Erst mit Tango Lady ist Harald Braun, der zuvor nur auf kurzen Distanzen unterwegs war, zum Langstreckenreiter geworden. „Ich habe gemerkt, dass die das locker wegsteckt und eigentlich auch gar nicht so viel Geländetraining braucht. Ich lege mindestens genauso viel Wert auf gymnastizierende Arbeit. – Im Spitzensport gibt es viele gut gerittene Pferde. Aber wir tun der Disziplin keinen Gefallen, wenn gerade auf den kurzen Strecken auch immer wieder schlecht gerittene Pferde zu sehen sind. Es ist unabdingbar, dass ein Distanzpferd vorwärts-abwärts gearbeitet wird und über eine solide Grundausbildung verfügt. Auch Versammlung bis zu einem gewissen Grade tut jedem Distanzpferd gut. Natürlich kann ich es nicht im Wettkampf stundenlang versammelt durchs Gelände reiten, aber doch immer mal wieder aufnehmen. Dressur ist, um in höheren Klassen reiten zu können, unabdingbar.“

Pause

Wer Harald Braun kennt, den mag diese Aussage zunächst überraschen. Selbst beim internationalen CEI*** in Fischerhude sah man ihn locker zurückgelehnt im Westernsattel. „Bevor ich Lady im Distanzsport eingesetzt habe, bin ich mit ihr sogar zweimal Allroundchampion im Westernreiten geworden“, erklärt Harald Braun, „aber zu DDR-Zeiten bin ich wie alle anderen auch im ortsüblichen Reitverein englisch geritten. Für das Distanzreiten hilft einem beides. Man bringt dem Pferd übers Westernreiten eine gewisse Selbstständigkeit bei und gymnastiziert es über das klassische Reiten. Das bringt das Pferd in eine anatomisch Kräfte sparende Haltung, was es wiederum locker über lange Strecken schadlos vorwärts gehen lässt.“

Im Schnitt trainiert Harald Braun die Stute nur drei- bis viermal die Woche, im Winter jeweils neunzig Minuten in der Halle und sechzig im Gelände; im Sommer kehrt sich das Verhältnis um. Neben Dressur und (ruhigen) Trainingsritten stehen dann Intervalltraining, Schwimmen und Arbeit am Berg auf dem Programm. „Das Grundtraining, das in den ersten drei Jahren stattfindet, ist für ein Distanzpferd entscheidend“, sagt Harald Braun. „Da muss man viel Zeit investieren, um Sehnen und Bänder zu stählen. Wenn man diese Phase schadlos überstanden hat, dann sind nach oben hin keine Grenzen gesetzt. Muskeln kann jedes Pferd in relativ kurzer Zeit aufbauen. Sehnen und Bänder verschleißen, wenn nicht alles richtig gemacht wurde. – Aber das ist Wissen, das sich jeder Distanzreiter selbst aneignen muss. Einzig und allein das Pferd kann dir am Tag nach dem Ritt sagen, ob die Belastung zu hoch war oder nicht. Und nur, wenn man Kleinigkeiten zu erkennen vermag, kann man sein Pferd gesund erhalten.“

LM_3

Dass trotzdem immer etwas schief gehen kann, zeigte der gescheiterte Start bei der Deutschen Meisterschaft 2007. „Meine Reitbeteiligung war zehn Tage zuvor der Meinung, sie müsse mit Lady am See auf einen Steg reiten und ist eingebrochen. Die Stute hatte Schürfwunden an den Innenschenkeln bis zum Euter. Und das vor dem Event des Jahres, wo ich ja auch nicht bloß irgendwie hinterherreiten, sondern vorn mit dabei sein wollte.“ Überhaupt relativiert Harald Braun die Maxime des Distanzsports Angekommen ist gewonnen für sich persönlich: „Ab einer bestimmten Größenordnung der Veranstaltung – wie einer Deutsche Meisterschaft – sollte man auch einen gewissen Ehrgeiz haben. Es kostet schließlich eine Menge Zeit, Geld und Nerven das Pferd auf so einen Ritt vorzubereiten und gesund zu erhalten.“ – Neben dem finanziellen sei es vor allem der enorme zeitliche und personelle Aufwand, der Auslandsstarts und die Teilnahme an den großen internationalen Ritten innerhalb Deutschlands limitiert. „Du bindest jedes Mal ein ganzes Wochenende ans Bein, fährst stundenlang, kommst kaum zum Schlafen, sorgst dich um dein Pferd und musst jedes Mal noch einen ganzen Tross mitnehmen und laufend motivieren, denn je größer die Ritte werden, desto mehr Leute werden benötigt, die für dich und das Pferd immer zu einhundert Prozent da sein müssen. Mit der Crew steht und fällt alles. Das ist ein Riesenaufwand, den diese Leute da unentgeltlich betreiben, und ich kann meinen beiden Trosserinnen Jessica Zumstein und Annette Morell, die mir zudem Navigatorin und Organisatorin ist, gar nicht genug danken.“

Für die Zukunft wünscht Harald Braun sich für den Distanzsport mehr Popularität und im Spitzensportbereich mehr Förderung. „Ein gutes Pferd zu haben, ist das eine, aber das Pferd dann auch dementsprechend trainieren und einsetzen zu können, ist das andere. Wenn es am Startgeld fehlt oder am Geld für das nötige Equipment, dann kannst du einen Weltmeister im Stall haben und kommst trotzdem nie zum großen Sport. In anderen Ländern wie in Frankreich wird es uns vorgemacht. Dort werden Spitzenpferde professionell trainiert und den guten Reitern zur Verfügung gestellt. Selbst damit hätte ich kein Problem. – Wenn ich es vielleicht aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schaffen sollte, ein internationales Championat zur reiten, bin ich doch der festen Überzeugung, dass Lady unter einem anderen Reiter das Zeug dazu hätte.“

Aufgezeichnet von Miriam Lewin