Interview mit Kadertierarzt Martin Grell 2019

RuZ: Der ursprüngliche Anlass für dieses Interview war deine Berufung zum Teamtierarzt des Berlin-Brandenburger Landeskaders im letzten Jahr. Jetzt hat sich die Situation etwas verändert.
MG: Es kamen die Reiter des Bundeskaders auf mich zu und fragten, ob ich wieder als Teamtierarzt zur Verfügung stehen würde. Kurz darauf wurde ich auch vom DOKR gefragt.

RuZ: Du warst schon einmal Tierarzt des Championatskaders von 2002 bis 2006 …
MG: Genau, während der Weltreiterspiele in Spanien, der WM in Dubai, der EM in Irland und der Weltreiterspiele in Aachen.

RuZ: Wie war da die Bilanz?
MG: In Jerez haben wir es immerhin geschafft, alle sechs Pferde in Ziel zu bringen. In Punchestown und Aachen gab es jeweils einen vierten Platz für die Mannschaft.

RuZ: Im Juli 2019 hat Deutschland bei der Endurance-EM in England Team-Bronze geholt, das hatte aber auch schon einmal 2010 in Kentucky geklappt …
MG: … wo ich jedoch auch dabei war. Dort habe als privater Tierarzt von Dr. Gabriela Förster mit Priceless Gold das schnellste deutsche Pferd betreut.

RuZ: Diesmal kam die Teamleistung ohne viertes Pferd zustande …
MG: Andere Nationen sind sogar mit fünf Pferden an den Start gegangen, um dann am Ende drei für die Mannschaftswertung im Ziel zu haben. Wir aber mussten alle unsere drei Starter durchbringen.

RuZ: Wie kann man sich die Betreuung der Pferde durch dich als Teamtierarzt im Vorfeld eines solchen Championats vorstellen?
MG: Sehr wichtig ist die Kooperation mit den Haustierärzten. Es werden regelmäßig Blutproben genommen und zu mir geschickt. Es werden auch alle 2-3 Monate Fotos gemacht, damit man die körperliche Entwicklung verfolgen kann. Letztlich hatte ich die Championatspferde schon seit drei Monaten, unter anderem auch auf der DM, betreut und mit den Reitern festgelegt wie die Marschrichtung bis zur Europameisterschaft aussehen soll.

RuZ: Eine direkte Leistungsüberprüfung der Pferde außerhalb der Wettbewerbe lässt sich doch aber sicher beim Landeskader einfacher realisieren als beim Bundeskader?
MG: Schon seit letztem Jahr bieten wir jährlich drei-vier betreute Trainingseinheiten an, wie z.B. im letzten Monat ein 50-km-Trainingsritt, bei dem davor und danach Blutwerte genommen wurden. Während des Rittes wurde getestet, wie schnell die Pferde mit entsprechender Kühlung regenerieren. Und ganz wichtig ist es, immer wieder die Gesamtheit überprüfen! Dazu zählen auch der Beschlag, der Sattel und die Fitness des Reiters. Ich kann oft wertvolle kleine Tipps geben, meist geht es um die Feinabstimmung.

RuZ: Gerade im Hochleistungssport wird vielfach versucht, den Pferden zusätzlich zu helfen. Ich rede nicht von Doping, aber da gibt es hier mal was für den Magen vorm Transport oder dort erhalten alle Pferde, die vom Schiff oder aus dem Flugzeug kommen, grundsätzlich eine Infusion mit Kochsalzlösung. Die einen begrüßen das, die anderen sagen, wenn mein Pferd vor dem Wettbewerb schon am Tropf hängt, ist das ein Armutszeugnis. Wie siehst du das?
MG: Dazu mal ein Beispiel: Ein Grund dafür, dass letztes Jahr bei den Weltreiterspielen in Tryon so viele Distanzpferde ausgefallen sind, war der, dass die das chlorierte Wasser in den USA nicht getrunken haben. Da haben viele Reiter einfach nicht geschaltet und gesagt: Wenn mein Pferd nicht trinkt, es aber die Leistung bringen soll, muss ich ihm helfen – oder ich muss auf den Start verzichten! Aber mit einem bereits dehydrierten Pferd an den Start zu gehen, ist meines Erachtens tierschutzwidrig.

RuZ: Zum Thema Elektrolyte, auch das wird ja kontrovers diskutiert …
MG: In der Regel braucht ein Pferd bis 80 oder 120 km so etwas alles nicht. Bei 160 km geht es dann aber an die Reserven. Vielerorts werden leider täglich Elektrolyte zugefüttert. Dadurch bringt man jedoch das Hormonsystem, das den Mineralstoffhaushalt reguliert, zum Erliegen, denn es ist ja immer alles da. Wenn das Pferd jetzt Leistung bringen soll, ist dieses System einfach nicht mehr aktiv. Und was die wenigsten wissen: Das Pferd hat bei hoher Leistung einen erhöhten Kalziumverbrauch. Das Kalzium wird aber nicht, wie man fälschlicherweise annehmen könnte, über den Schweiß abgesondert, sondern durch die bessere Durchblutung über einen längeren Zeitraum in die Knochen eingelagert. Es fehlt aber dann im Blut. Pferden, die regelmäßig Muskelprobleme haben, kann es guttun, wenn sie zwei-drei Tage vor dem Ritt Kalzium bekommen. Mit dauerhaften Kalziumgaben würde man jedoch wiederum das Regulationssystem lahmlegen.

RuZ: Was läge dir selbst noch am Herzen als Schlussplädoyer?
MG: Seitens des LPBB ist es bundesweit einmalig, dass es einen Landeskader Distanzreiten und seit diesem Jahr einen Teamtierarzt gibt. Unsere kontrollierten Trainings haben so großen Zuspruch, dass Jugendreiter aus anderen Bundesländern nun auch versuchen, nach Brandenburg zu wechseln oder nach dem Vorbild des LPBB eine Zusammenarbeit mit ihren Landesverbänden zu aktivieren.

Das Gespräch führte Miriam Lewin