Jenny Stemmler 2010

Gespräch mit der Berlin-Brandenburger Landesmeisterin 2010 im Distanzreiten und Landespokalgewinnerin 2010

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Frage: Wann hast du mit dem Reiten angefangen?
Jenny: Das war 1992 bei einem Reiturlaub in Polen. Damals war ich neun. Und danach mussten meine Eltern mir dann auch den Reitunterricht in Berlin bezahlen. Ich habe relativ bald begonnen bei Siggi (Sieglinde Dick) mitzureiten, und da lag Distanzreiten sehr nahe. Ich bin auch die ersten Distanzritte auf ihren Pferden gegangen, zunächst zwei Einführungsritte, den ersten 1995 in Kagel, den nächsten 1996, und dann kam 1998 der erste Start mit Flyer. Danach bin ich nicht mehr davon weggekommen.

Frage: Der Traber Flyer war ja das Weltmeisterschaftspferd von Sieglinde Dick. Was war das für ein Gefühl, den reiten zu dürfen?
Jenny: Es hatte sich so ergeben, dass ich an den Wochenenden immer zu zweit mit meiner Mutter ausgeritten bin, sie auf Fury und ich auf Flyer. Daher bot sich dann der Start mit Flyer auf Siggis eigenem Ritt in Münchehofe an. Ich hatte damals noch überhaupt keine Ahnung und war völlig planlos.

Frage: Wie lang war die Strecke?
Jenny: 70 Kilometer, und danach war ich tot. Also, ich bin ja sonst immer nur am Wochenende geritten und war in Gummireitstiefeln und mit normalen, schmalen Steigbügeln losgezogen …

Frage: Aber ihr seid in der Wertung angekommen?
Jenny: Ja, ich weiß gar nicht mehr, welcher Platz, vierter oder fünfter.

Frage: Und das hat dich nicht eines Besseren belehrt?
Jenny: Es hat drei Tage gedauert bis ich wieder normal laufen konnte, aber es war toll. Danach wollte ich unbedingt mehr machen und beim Distanzreiten bleiben.

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Frage: Wann kamst du dann zum eigenen Pferd?
Jenny: Ich habe bis heute kein eigenes Pferd. Es gab immer Leute, die mir großzügiger Weise Pferde zur Verfügung gestellt haben. Mein jetziges Pferd, Morgan, gehört Heike Ganster aus Bayern. Ich bin ihn dort während meines Studiums in Bayreuth geritten, seit 2004. Und jetzt war sie so freundlich, ihn mir zu überlassen, damit ich ihn mit nach Berlin nehmen konnte.

Frage: Ein paar Worte zu Heike Ganster?
Jenny: Bei ihr habe ich wahnsinnig viel gelernt über Trainingsmethoden und Management rund ums Pferd. Das ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Heike hat mit ihrem Erfolgspferd Schucks zweimal erfolgreich an Weltmeisterschaften und zweimal erfolgreich an Europameisterschaften teilgenommen, auch EM-Mannschafts-Bronze geholt. Sie hat mir gezeigt, dass es möglich ist, mit einem einzigen Pferd über Jahre im Spitzensport mitzureiten, dass man einem Pferd aber auch nur dann immer wieder Höchstleistungen abverlangen kann, wenn man es vernünftig einsetzt und ihm optimale Bedingungen bietet. Das reicht vom Training über die Fütterung und Haltung bis hin zum Management auf dem Ritt und einer perfekten Crew.

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Frage: Was waren deine größten Erfolge mit Morgan?
Jenny: In unserer ersten gemeinsamen Saison 2004 haben wir den Bayern-Cup gewonnen, das entspricht in etwa dem Berlin-Brandenburger Landespokal. Im selben Jahr waren wir für den Jugend-Nationenpreis in Kreuth nominiert und konnten dort Mannschaftsgold holen. Das war mein letztes Mal in der Jugendwertung, mit 21 Jahren. 2005 kam der erste Auslandsstart in Ribiers, in den französischen Alpen, über 119 Kilometer, Mindesttempo 12 km/h. Das war sehr anstrengend. Wir waren zwar unter den letzten, aber wir haben es geschafft. Es war ein tolles Gefühl, da durchzukommen. 2007 sind wir bayrischer Meister geworden, 2008 Vizemeister in Berlin-Brandenburg …

Frage: … weil dein Stammverein ja immer noch in Kagel war, obwohl du in Bayern wohntest.
Jenny: … richtig. Und wieder zurück in Berlin wurde es dann 2010 der Meistertitel.

Frage: Ihr habt nun auch den Landespokal, den Langstreckenpreis und die Wertung zum besten Reiter 2010 gewonnen. Es war also eine sehr erfolgreiche Saison …
Jenny: Angefangen mit einem Sieg in Rüdnitz über 82 Kilometer, dann kam die Landesmeisterschaft mit 122 Kilometern, dann der Sieg in Britz über 92 Kilometer, danach ein zweiter Platz in Bayern und zum Saisonabschluss ein Sieg über 80 Kilometer in Mecklenburg.

Frage: Was hast du dir für die neue Saison vorgenommen?
Jenny: Auf jeden Fall die Landesmeisterschaft und ein paar internationale Ritte – wie den bei uns hier in Glien oder den CEI in Gartow. Sonst heißt es abzuwarten.

Frage: Morgan ist jetzt 16 und fit und munter?
Jenny: Momentan erweckt er nicht den Eindruck, dass er in Rente gehen wollte, obwohl er schon seit seinem 4. Lebensjahr erfolgreich läuft, vier- und fünfjährig auf der Rennbahn und mit sieben den ersten Distanzritt.

Frage: Sein Name ist also irreführend, denn es handelt sich um einen Vollblutaraber.
Jenny: So ist es. Er stammt von einem Züchter aus Bayern, Wolfgang Esch, der sehr gute Distanzpferde züchtet. Von ihm stammen auch Madaq und Magnum …

Frage: … beide hoch erfolgreich im internationalen Spitzensport …
Jenny: … tolle Pferde und auch korrekte Pferde …

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Frage: Da du es selbst ansprichst. Ich habe unlängst im Blog der amerikanischen Distanzreiterin Karen Chaton gelesen, sie würde viele Pferde kennen, die 1a durch jede Ankaufsuntersuchung gekommen, aber nie gelaufen sind, und andererseits Pferde, die hoch erfolgreich im Distanzsport waren, obwohl sie niemals eine Ankaufsuntersuchung bestanden hätten.
Jenny: Morgans Senkrücken stört ihn überhaupt nicht, das kann er kompensieren. Er läuft konstant seine 14-16 km/h oder auch schneller, wenn es sein muss.

Frage: Was macht nun also ein gutes Distanzpferd aus?
Jenny: Es muss Biss haben und körperlich stark sein. Natürlich gibt es Mängel, die sich nicht ignorieren lassen, wie Probleme mit den Beinen. Trotzdem ist es unglaublich, was gute Pferde auch ausgleichen können. Sie müssen nur Spaß am Laufen haben.

Frage: Wenn ich deine Rittstatistik mit Morgan betrachte, sehe ich aber schon, dass du ihn mit Bedacht einsetzt und die ganz großen Championate bisher ausgelassen hast.
Jenny: Ich denke einfach, man muss ein Pferd seinem Potenzial entsprechend einsetzen. Morgans Stärke ist es auf nationalen Ritten über Jahre hinweg konstant sehr weit nach vorn zu laufen. Er ist nicht der allerschnellste und wäre internationalen Championaten wohl auch psychisch nicht gewachsen. Wir sammeln auch keine Kilometer, das heißt Morgan geht nicht mehr als fünf im Jahr. Ich suche mir die Ritte sehr genau aus, und Morgan hat danach lange Regenerationsphasen.

Frage: Nach welchen Kriterien wählst du die Ritte aus?
Jenny: Entfernung, Landschaft, Bodenverhältnisse, Anspruch, das spielt alles eine Rolle. Ich gehe gerne Ritte, für die man ein bisschen Köpfchen braucht, wo es mit Laufenlassen nicht getan ist, wie in Ribiers, oder zum Beispiel die Kabardiner-Distanz in Bayern in extrem bergigem Gelände. Das macht Spaß. In der letzten Saison habe ich allerdings eher Ritte in der Nähe gewählt, um Morgan an die neuen Bodenverhältnisse zu gewöhnen, denn auf dem flachen Land und im Sand trainiert man ja ganz anders als in den Bergen.

Frage: Was sind die Unterschiede?
Jenny: Am Berg trainiert man viel im Schritt und nutzt den Berg zum Intervalltraining. Hier in Brandenburg bin ich zu Saisonbeginn im Training längere Strecken in relativ ruhigem Tempo geritten und habe dann die Ritte selbst genutzt, um darüber Kondition aufzubauen, von 80 Kilometern der Sprung auf 122 Kilometer. Danach habe ich die Trainingsstrecken verkürzt und bin mehr galoppiert, auch mal 30 bis 45 Minuten am Stück. Vernünftiges Galopptraining bringt ab einem bestimmten Trainingsstand mehr, als Kilometer zu fressen und im Trab durch die Gegend zu schießen.

Frage: Was ist Morgans favorisierte Gangart im Wettkampf?
Jenny: Der Trab. Galopp ist ab und zu nicht schlecht, um vorwärts zu kommen oder das Ganze aufzulockern, Morgans Puls ist aber im Galopp nicht ganz so optimal.

Frage: Trainierst du Morgan nur im Gelände?
Jenny: Ausschließlich. Morgan kennt keinen Platz. Er ist in sich, mit seinem Körperbau, dem nachteiligen Rücken, sehr stabil, und ich möchte da nichts falsch machen oder verändern. Ich achte darauf, dass er im Gelände vorwärts-abwärts läuft, sich selbst trägt, sich in den Kurven biegt und dass er im Galopp auf Kommando die Hand wechselt, was wichtig ist auf langen Galoppstrecken, um einer einseitigen Belastung vorzubeugen.

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Frage: Im Prinzip gymnastizierst du ihn schon, aber eben im Gelände?
Jenny: Natürlich, die Verletzungsgefahr ist bei einem Distanzpferd, dass die ganze Zeit mit weggedrücktem Rücken gegen den Zügel anrennt und ohne Biegung um die Kurven schießt, deutlich höher – insbesondere bei schwierigen Bodenverhältnissen. Aber es führen eben viele Wege nach Rom. Es gibt Distanzreiter, die arbeiten ihre Pferde sehr viel auf dem Platz, andererseits haben andere erfolgreiche Distanzpferde nie ein Dressurviereck gesehen. Man muss das Training individuell auf das jeweilige Pferd abstimmen. – Ich kann zum Beispiel mit Morgan auch nicht viel Intervalltraining machen, denn dabei heizt er sich nur auf.

Frage: Rennbahntraining käme mit ihm also nicht infrage?
Jenny: Lange Galoppstrecken, ja, aber bei einem Intervalltraining auf der Rennbahn, würde das Rennpferd durchkommen, da legt’s einen Schalter um. Das Renntraining in seiner Jugend hat ihm sicherlich körperlich sehr gut getan, aber nicht unbedingt vom Kopf her.

Frage: Macht sich das auch im Wettkampf bemerkbar?
Jenny: Die Ritte hier in Brandenburg mit ihren übersichtlichen Starterfeldern sind für ihn ideal. Bei mehr als dreißig, vierzig Startern jedoch wird er sehr, sehr schwierig. Wir sind beispielsweise auch einmal in Compiègne gestartet, das war zu viel für ihn, da sind ihm die Sicherungen durchgebrannt. Das war dann nur noch gefährlich. Und so gibt es auch bei kleineren Ritten manchmal Situationen, die ich bei ihm schon kenne, wo ich weiß, dass ich aufpassen muss. Und manchmal ist es dann besser, einfach abzuspringen und eine Weile nebenher zu laufen.

Frage: Du sagtest, Morgan sei kein Pferd für die ganz großen Championate. Von welchen Ritten würdest du einmal träumen?
Jenny: Sicher möchte jeder ehrgeizige Reiter mal ganz oben mitreiten. Ich bin mir aber auch im Klaren darüber, dass es ein riesiger zeitlicher und finanzieller Aufwand ist, allein schon den Sichtungsweg für eine Europa- oder Weltmeisterschaft zu gehen. Außerdem braucht man wirklich das richtige Pferd dazu. Ohne ein Pferd, von dem ich weiß, dass es den Anforderungen auch hundertprozentig gewachsen ist, würde ich das nicht probieren.

Aufgezeichnet von Miriam Lewin für „Reiten und Zucht“ 3/2011