Jenny Stemmler 2014

… bei den Weltreiterspielen dabei

Die Potsdamerin repräsentierte die deutschen Distanzreiter in der Normandie

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Als eine von fünf deutschen Distanzreiterinnen, die für die Welt-Reiterspiele in der Normandie nominiert waren, reiste die Potsdamerin Jenny Stemmler im August nach Frankreich.

Bei einem Interview im Jahre 2011 sagte sie noch: „Sicher möchte jeder ehrgeizige Reiter mal ganz oben mitreiten. Ich bin mir aber auch im Klaren darüber, dass es ein riesiger zeitlicher und finanzieller Aufwand ist, allein schon den Sichtungsweg für eine Europa- oder Weltmeisterschaft zu gehen. Außerdem braucht man wirklich das richtige Pferd dazu. Ohne ein Pferd, von dem ich weiß, dass es den Anforderungen auch hundertprozentig gewachsen ist, würde ich das nicht probieren.“ Mit Radja d’Aurabelle hatte sie es gefunden. Nachdem ihr altes Erfolgspferd Morgan – welches sie aufgrund seines Nervenkostüms als kein Pferd für Championate bezeichnet hatte – im Jahre 2012 in den Ruhestand geschickt worden war, hatte Jenny gezielt gesucht. Mit Hilfe von Sabrina Arnold, jener Reiterin, die zu Jahresbeginn die Weltrangliste der Distanzreiter angeführt hatte, wurde bei der südfranzösischen Reiterin und Züchterin Virginie Atger die 2005 geborene Radja d’Aurabelle gefunden. Die von dem Araberhengst Tarzan de Jano und aus der Traberstute Tina du Bas Miniac gezogene Fuchsstute entstammt einer Distanz-Leistungszucht und hatte siebenjährig beim CEI1* über 90 km in Compiègne bereits ihre internationale 2-Sterne-Qulifikation abgelegt. Beim ersten Start unter ihrer neuen Besitzerin errang die Stute Platz drei beim CEI2* über 120 km in Holzerode unter schwierigen Witterungs- und Bodenverhältnissen. Von da an wusste Jenny, dass sie das Hundertmeiler-Pferd, nach dem sie gesucht, auch tatsächlich gefunden hatte.

Die letzte Sichtung für die WEG fand in diesem Jahr beim CEI2* über 125 km in Compiègne statt. Nachdem Jenny mit Radja hier als drittbeste Deutsche auf Platz 39 (von insgesamt 170 Startern) abgeschlossen hatte, war die Nominierung für sie keine Überraschung mehr. Sie hatte gezielt und erfolgreich darauf hingearbeitet.

Dass diese Weltreiterspiele für den Distanzsport ein Desaster waren, kann im Nachhinein nicht schöngeredet werden. „Ein schwarzer Tag für die deutschen Distanzreiter“ titelte die Pressemitteilung der FN, die noch während des Wettbewerbs herausgegeben wurde. Da waren schon alle deutschen Starterinnen ausgeschieden. Es hätte schlimmer kommen können. Das Pferd einer Reiterin aus Costa Rica lag mit gebrochenem Genick am Wegrand, die Reiterin schwer verletzt darunter. Dieser Anblick blieb den nachfolgenden Reitern und auch Jenny Stemmler nicht erspart. „Wir haben überlegt, geschlossen aufzugeben“, gesteht sie. Rückblickend resümiert Jenny: „Das war nicht der Normalfall eines Championats. Natürlich ist immer ein Risiko vorhanden, und man selbst hofft, so zu reiten, dass einem nichts passiert. Aber in der Normandie war man der Strecke hilflos ausgeliefert, selbst noch im Schritt. Das war viel zu gefährlich!“ Auch Bundestrainer Ording äußerte sich entsetzt: „Fast alle Nationen forderten eine Entschärfung der Strecke, aber es wurde nichts geändert.“ – Für Jenny und Radja war der Traum vom Championat, aus dem längst ein Alptraum geworden war, schnell vorbei. Nachdem ihre Stute auf dem ersten Loop nicht mehr taktrein lief, gab die Reiterin auf. Die Frage, wie sie sich nach diesen Weltreiterspielen fühle, beantwortet sie dennoch mit: „Gut. Weil es dem Pferd gut geht, das nur wegen Muskelproblemen ausgeschieden ist und am nächsten Tag wieder in Ordnung war.“ Neben großer Enttäuschung herrschte bei ihr wie beim gesamten deutschen Team auch große Erleichterung. – Darüber, dass alle fünf Pferde wieder gesund nach Hause fuhren.

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Doch Jenny Stemmler wäre nicht Jenny Stemmler, jene Reiterin, die selbst im härtesten Wettbewerb noch lächelnd in die Kamera blickt, wenn sie nicht auch positive Erfahrungen mitgenommen hätte. Sie schwärmt von einer grandiosen Eröffnungsfeier, sie zollt den anderen Kaderreiterinnen Respekt, ihrer Solidarität untereinander und dem, was sie von ihnen lernen konnte. „Am Ende werden die guten Erinnerungen überwiegen“, sagte sie, und ihr Lächeln ist schon wieder zurück.

Ihr Rüstzeug für den Distanzsport hat sich Jenny Stemmler bei der Distanzlegende Sieglinde Dick im märkischen Münchehofe geholt. Seit 2004 war sie maßgeblich mit dem von Heike Ganster aus Bayern zur Verfügung gestellten Vollblutaraber Morgan unterwegs, mit dem sie im Jahre 2010 auch Berlin-Brandenburgische Landesmeisterin wurde.

Aufgezeichnet von Miriam Lewin, erschienen in „Reiten und Zucht in Berlin und Brandenburg-Anhalt 10/2014