Judith Schillmann 2012

Gespräch mit der Gewinnerin des Landespokals und des Ostdeutschen Championates 2011

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Judith Schillmann (23) hat in der Saison 2011 im Berlin-Brandenburger Distanzsport-Lager so ziemlich alle Pokale abgeräumt, die es zu holen gibt: Sie hat das Ostdeutsche Championat gewonnen und den Harry-Lüdke-Cup, sie wurde beste Distanzsportlerin und zweite im Langstrecken-Championat, und ihr Wallach mit dem lakonisch klingenden Namen Holger wurde sowohl bestes Pferd 2011 in Berlin-Brandenburg als auch in ganz Ostdeutschland. Holger Loki ist jedoch weder ein Holger ibn Loki im Araberformat noch ein Traber oder Englischer Vollblüter. Es handelt sich vielmehr um ein Fjordpferd in Ponyendmaßgröße, das sich in dieser Saison regelrecht zum Kilometerfresser entwickelt hat. Wenn man seiner Besitzerin, Reiterin und Fahrerin Glauben schenken darf, gar nicht einmal gewollt.

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Mit dem Reiten hat sie als Achtjährige angefangen und fand es am Anfang „ganz furchtbar“. Das sollte sich mit der richtigen Reitlehrerin in Schenkenhorst und der (unverzichtbaren) Reiter-Freundin ändern. Alsbald war da der Wunsch nach dem eigenen Pferd, von den Eltern auch bewilligt – und noch immer keine Araberträume, nein, eine Haflingerstute, geritten und gefahren, sollte es sein. Die wurde es nicht ganz. „Ich habe zur der Zeit gerade einen Fahrkurs auf dem Fjordpferdehof „Insel“ in Ruhlsdorf gemacht“, so Judith Schillmann, „und der Chef bot mir ein Fjordpferd an, das kannte nicht einmal richtige Hilfengebung, konnte aber durchs Gelände laufen. Doch der Wallach hatte etwas ganz besonderes, nämlich ein blaues und ein braunes Auge, und da dachte ich mir: Den nehme ich, den erkenne ich wenigstens wieder in der Herde! Und so bin ich zu Holger gekommen, der damals 6jährig war. Ich war froh, ein Pferd zu haben, mit dem ich immer und überall hin konnte, wenn auch nicht unbedingt alleine, das mochte er damals schon nicht …“

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Dass Judith Schillmann nicht schon vor Jahren die Berlin-Brandenburger Jugendpokalwertung gewonnen hat, lag daran, dass man schlichtweg übersehen hatte, auch die gefahrenen Kilometer zu werten, denn bereits 2005 absolvierte sie ihre erste Distanzfahrt, damals nicht mit Holger, sondern mit einem Haflingerhengst, der ihr von Sven Bork zur Verfügung gestellt worden war. Sie lacht. „Das war super. Bei Kilometer 15 hatte ich einen Platten und musste meine Beifahrerin im Wald aussetzen. Bei Kilometer 20 hab ich die Rückenlehne verloren und mir fiel auf, dass meine Beifahrerin noch meine Checkkarte hatte … Mit dem demolierten Sulky bin ich trotzdem noch ganz glücklich angekommen …“ – Doch damit war bei Weitem noch nicht das Fundament für eine zukünftige Distanzfahrer-Karriere mit Holger gelegt, denn der war von seiner turnierambitionierten Besitzerin mittlerweile verkauft worden. Anstelle des begehrten Springpferdes wurde es jedoch wieder ein Norweger, Rasmus, und Holger fand sich „durch Zufall“ wieder an. „Und dann habe ich mit dem beiden zweispännig losgelegt“, sagt Judith Schillmann heiter. An ein Foto vom Zieleinlauf erinnert, bemerkt sie: „Da guckt mein Beifahrer so’n bisschen gestresst. Das lag daran, dass die Kutsche nicht wirklich gebremst war, und ich hatte doch etwas unterschätzt, welche Energien zwei Fjordpferde freisetzen können … Aber wir haben genau in Tempo 5 (12 km/h) gelegen!“

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Was nun macht das Distanzfahren aus? – Judith Schillmann hat immerhin schon für zwei Deutsche Meisterschaften angespannt, 2009 zweispännig, im letzten Jahr einspännig. „Die konditionellen Anforderungen sind nicht ganz so hoch wie beim Reiten – zumindest sofern man einen etwas bequemeren Sulky hat als ich. Aber viele Fahrer stehen auch, weil man im Sitzen jede einzelne Bodenunebenheit mitbekommt. Man kann stehend das Gewicht besser verlagern. Es gibt andere, die das Trabersystem fahren, also ganz tief mit breiten Beinen im Sulky sitzen. Im Gegensatz zum Rennsulky müssen unsere Fahrzeuge straßenverkehrssicher sein, das heißt Reflektoren hinten und an der Seite sind zwingend vorgeschrieben und Bremse oder Hintergeschirr. Außerdem müssen unsere Fahrzeuge stabil sein, ein Trabersulky von der Rennbahn würde schlichtweg auseinanderfallen. Oft genug sind mir Reifen geplatzt, daher haben viele Distanzfahrer ihre Reifen mit Schaum ausgefüllt. Aber auch Schweißnähte können brechen, es ist einfach eine ziemliche Anforderung an das Material, sobald man etwas schneller fährt. Wenn an sich die Wagen unserer DM-Fahrer anschaut, dann sieht man, dass sie zwar leicht gebaut sind, aber sie haben dicke Rohre und viele Verstrebungen, damit das Ganze auch hält.“

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Einen Hundertmeiler, die Königsdistanz von 160 km am Stück, ist Holger 2011 bei der Heidedistanz unterm Sattel gelaufen. „Es holgert“, meinte der Tierarzt noch nach 120 Kilometern – und so ritt Judith eben weiter. „Schon der Start um Mitternacht war etwas ganz Aufregendes, da standen alle mit Fackeln herum, die Strecke war mit Knicklichtern markiert, es war Vollmond und nicht eine einzige Wolke am Himmel, und am Tage zog es sich zu, was Holger natürlich gut fand, denn der mag am liebsten maximal zehn Grad und Nieselregen.“ Sie grinst. „Daran habe ich mich gewöhnt. Wenn’s zu warm wird, bekomme ich auch Migräne.“

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Ob es nicht doch auch mal etwas Schnelleres sein darf, frage ich sie zum Schluss. Sie überlegt und erzählt von Osharin’s Peron, dem Trakehner Deckengst von Familie Rolle aus dem Gestüt Elchniederung, den sie in dieser Saison reiten durfte. „Es ist schon etwas anderes mit einem Pferd, das die Lauffreude besitzt, alleine vorneweg zu gehen. Aber mit einem ehrgeizigen Pferd habe ich auch ein bisschen Respekt vor meinem eigenen Ehrgeiz. In dieser Saison durfte ich die international erfolgreiche Stute Mourana von Gabriele Borowicz reiten. Mit solch einen Pferd muss man sich selbst schon mal bremsen, um nicht über die Stränge zu schlagen. Mein Wunsch ist es, die Pferde immer gesund ins Ziel zu bringen.“ – Und so wird Judith Schillmann vielleicht doch den gemütlichen Skandinaviern treu bleiben? Ihr nächstes Fohlen ist jedenfalls wieder ein Norweger. Sie zuckt lächelnd mit den Achseln: „Ich brauche nicht zwingend ein Pferd, das 25 km/h schnell in jede Richtung rennt, aber ich nehme die Möglichkeit natürlich gerne wahr, wenn ich ein flottes Pferd zur Verfügung gestellt bekomme. Ich möchte beruflich in diese Richtung gehen, dafür habe ich Pferdewirt gelernt und einen Trainerschein gemacht, und da wird es hoffentlich nicht ausbleiben, dass ich auch ambitionierter an den Start gehe. Aber solange ich mit meinen Norwegern reite und fahre ist es Hobby, und das soll vor allem Spaß machen!“

Gespräch: Miriam Lewin für „Reiten und Zucht“ 4/2012