Landestrainerin Distanzsport Michaela Wilczek 2018

Mit dem Willen zur Weite

Die Pferdesportlerin Michaela Wilczek, die gerade ihren 40. Geburtstag feierte, hat viele Gesichter: international erfolgreiche Distanzreiterin, erste Vorsitzende des Reitclubs Grunewald e.V., Trainerin C Leistungssport und nun auch seit 2018 Trainer-Mentorin und Landestrainerin Distanzsport. Ein Amt, das im deutschen Pferdesport einmalig ist, denn Berlin-Brandenburg hat als einziges Bundesland den Distanzsport in seine Kaderstruktur integriert.

Michaela Wilczek ist aus Überzeugung ehrenamtlich tätig und setzt als Diplom-Kauffrau ihre Fähigkeiten als 1. Vorsitzende im Reitclub Grunewald e.V. (RCG) erfolgreich ein. Der Verein hat unter ihrer Leitung in den letzten Jahren immer wieder positiv von sich Reden gemacht, vor allem durch soziale Projekte und guten Breitensport, aber auch im Leistungssport: Die Vize-Weltmeister im Doppel-Voltigieren der Junioren sind hier beheimatet. Wichtig ist Michaela Wilczek dabei immer der hohe gesellschaftliche Mehrwert des Miteinanders im Verein.

Die Landestrainerin Distanzsport zeichnet sich explizit durch ihre Offenheit allen Disziplinen gegenüber aus. Die Skala der Ausbildung steht für sie im Zentrum, natürlich auch als Leitlinie für die Arbeit mit den eigenen Pferden – aber ebenso der Spaß beim Reiten in der Natur und beim täglichen Training. Man kann die passionierte Sportlerin auch um 6 Uhr vor oder um 21 Uhr nach ihrer Arbeit im Stall treffen. Und Hündin Bella ist immer dabei. Durchhaltevermögen zeigt sie sowohl im Job als Beraterin in der politischen Kommunikation als auch beim Distanzreiten.

Die interdisziplinäre Kommunikation im Pferdesport fällt der Berlinerin, die erst als Erwachsene in den Distanzsport eingestiegen ist, leicht. Bescheiden nennt sie den „gehobenen Breitensport“ als ihre reiterliche Herkunft. Das war es auch, wofür sie ihren DSP C’est la vie gekauft hat. Der heute 15jährige Warmblüter ging aber am liebsten ins Gelände und zeigte erst bei Distanzwettkämpfen sein wahres Talent. Diese gemeinsame Passion gipfelte in einer CEI2*-Platzierung über 120 km. Dafür erhielt der Wallach das Präfix „DSP“ vom Zuchtverband. Mittlerweile trainiert Michaela Wilczek noch ein Nachwuchspferd, den 6jährigen, rennbahnerprobten Vollblutaraber Gold Boy. Er siegte im April bei seinem ersten MDR über 80 km – ein wichtiger Schritt zur CEI-Qualifikation.

Während ihr Vorgänger Wolfgang Barth nur für die Jugend zuständig war, ist Michaela Wilczek für das gesamte Spektrum des Distanzsportes verantwortlich und somit ebenso für die Senioren und für die Fahrer. Hier hat sie sich für die Landes-Fahrermeisterschaft stark gemacht, mit Erfolg: Nach einigen Jahren Pause wird im August im Ruppiner Land erstmals wieder eine LM Distanzfahren durchgeführt werden – zunächst über moderate 66 km, um möglichst viele Fahrer zur Teilnahme zu motivieren.

Natürlich steht darüber hinaus die Jugendarbeit im Fokus der Landestrainerin. „Ich halte es für wichtig, dass sich die Jugend nicht nur regional, sondern ebenso bundesweit vernetzt“, sagt sie in Hinblick auf das VDD-Jugendcamp vom 28. Juli bis 1. August im niedersächsischen Holzerode, das sie gemeinsam mit Anne Wegener (VDD-Präsidiumsmitglied und Deutsche Meisterin Distanzreiten 2017) leiten wird, und an dem auch einige Jugendliche aus Berlin-Brandenburg teilnehmen werden. Wichtig ist ihr neben der Kaderbetreuung aber auch, über den Breitensport neue Talente in der Region zu finden und die Fördergruppe weiter aufzufüllen. Dazu sollen insbesondere kürzere Ritte wie der von ihr initiierte Distanzwettbewerb „Mut zur Strecke“ dienen. Große Chancen sieht sie in einer Intensivierung des Dialogs mit Eltern und talentierten Jugendlichen. „In unserem Sport haben wir ja keine klassische Heimtrainer-Struktur. Daher sehe ich meine Aufgabe darin, Impulse zu geben und zu vernetzen“, erläutert Michaela Wilczek. „Eine neue Struktur muss langsam wachsen. Und sie muss mit den Menschen zusammen entstehen. Hier versuche ich durch Lehrgangsangebote, Vorträge und Treffen Anreize zum Austausch zu setzen.“

Michaela Wilczek sieht ihre Aufgabe neben der klassischen Betreuung des Leistungssportes in der Motivation aller Distanzsportler – egal ob Schnupperreiter oder Quereinsteiger, ob Hobbyreiter oder Leistungssportler, ob Kilometersammler oder CEI-Anwärter, mit Shetty-Kutsche oder Traber-Sulky, Tinker oder Araber … „Gerade unsere Disziplin ist in ihren Ausprägungen so bunt. Jeder sollte sich ausprobieren. Und dafür braucht es anfangs noch kein Kader- oder Langstreckenpferd. Hier gibt es dann aber auch die Möglichkeit, Talente zu erkennen und bei Interesse und Eignung für den Leistungssport entsprechend zu fördern.“

Was sie sich wünschen würde? – Dass in Bezug auf die Ausbilderstruktur noch stärker aufgesattelt wird im Distanzsport! Gerade hier, weiß sie, gibt es viele Förderer, die nicht unbedingt einen Trainerschein haben, sich aber sehr stark engagieren, beispielsweis in der Jugendförderung. Diese wichtigen Multiplikatoren will sie stärker bündeln und in Aktivitäten einbeziehen. Sie möchte bessere Lehrgangsangebote schaffen und mehr Theoriewissen vermitteln, zum Beispiel was die Einschätzung der Kondition des Pferdes für eine bestmögliche Wettkampfvorbereitung angeht. „Die Reiter möchten sich weiterbilden!“, berichtet sie aus Erfahrung. „Und sie merken, dass Rittigkeit auch ein Wettkampfvorteil ist!“

„Das Tolle an unserer Disziplin ist, dass wir sehr mutige, pferdeorientierte Reiter haben“, betont die Landestrainerin, „Distanzreiter sind in der Lage, ihre Pferde mit dem Tierschutzgedanken im Vordergrund einen ganzen Tag lang im Wettkampf zu reiten, zu beobachten und zu betreuen. Dazu braucht es viel Wissen und diszipliniertes Training im Vorfeld. Wir können sehr viel von anderen Pferdesportdisziplinen lernen, aber wir haben auch eine Menge zu bieten!“

Miriam Lewin