Mara Schima 2014

… und ihre Pferde

Mara_Schima_Beach_Boy

Klein, aber oho. Gemeint ist das Pferd. Obwohl es auch in Hinblick auf die Reiterin zutrifft. Denn sonst würden sie überhaupt nicht zusammenpassen, die zierliche, jung gebliebene Kindergärtnerin aus Schönwalde und ihr Welsh-B-Araber-Mix Beach Boy, der mit 1,40 m Widerristhöhe noch ein ganzes Stück vom Endmaßpony entfernt ist. Was dazu führt, dass der interessant kolorierte Wallach – dessen Fellfarbe laut Pass als „Rotfalbe“ angegeben ist, was aber lediglich eine falsche Übersetzung der zutreffenden englischen Bezeichnung „Red Roan“ ist, die einen stichelhaarigen Fuchs beschreibt – gern unterschätzt wird. Ganz massiv geschah das zu ersten Mal, als Mara den bis dato braven fünfjährigen Hengst zum Wanderreitabzeichen-Lehrgang mitnahm. Flugs brachte man das niedliche Knuddelpony auf dem Gastgeberhof in einem Paddock mit Elektrozaun unter – aus dem sich der Kleine, der plötzlich seine Männlichkeit entdeckt hatte, nachts befreite, um sämtliche Stuten des Hofes – damals (praktischerweise) noch in Ständerhaltung – zu beglücken. Die nächtliche Kletterpartie des jungen Mannes blieb zur allgemeinen Erleichterung zwar ohne Konsequenzen für die Damen, nicht jedoch für ihn, der nach dieser Eskapade kurzerhand zum Wallach befördert wurde. Eine Entscheidung, die der Besitzerin nicht allzu schwer fiel, denn auch unterm Sattel und im Umgang kehrte der kleine Kerl plötzlich das Enfant terrible heraus. Klar war damit auch, dass Beach Boy mit Wanderreiten wohl unterfordert wäre. Eine trainingsintensivere Sportart musste her, etwas, das beiden, Pferd und Reiterin, Spaß machte. Und so begann die Distanz-Karriere von Beach Boy.

Mit dem Distanzreiten war Mara schon geraume Zeit zuvor in Berührung gekommen, als sie gemeinsam mit einer Freundin auf ihrem ersten Pferd, einem Haflinger-Norweger-Wallach, zwei kleine Einführungsritte „just for fun“ absolvierte hatte. Dann aber kam die Familienplanung dazwischen, und Distanzreiten wurde erst einmal wieder ad acta gelegt.

Den ersten Distanzritt ging „Beach“ in Bötzow, gemeinsam mit einem Shetland-Pony – schon damals in gewisser Unterschätzung seiner Leistungsfähigkeit. „Nichtsahnend“, wie Mara sagt, sei sie mit ihm dann ins mecklenburgische Stuck gefahren, wo die Familie Angelbeck seit vielen Jahren gut besuchte und vor allem auch leistungsorientierte Distanzritte durchführt. Ein kurzer Distanzritt über ca. 45 Kilometer mit Massenstart (heute laut VDD-Reglement erst ab mittleren Strecken erlaubt) stand auf dem Programm. Und Massenstart bedeutete damals wie heute in Stuck den Start von wahren Massen. „Beach schoss gleich vorneweg mit den ersten Arabern raus – in gleicher Weise später wieder ins Ziel“, berichtet Mara. Damit hatte sie nicht gerechnet. Weder sie noch irgendjemand sonst. Und der Cheftierarzt Martin Grell – einer, der weiß, wovon er redet, denn er zählt seit langem zu den erfahrensten VDD- und FEI-Tierärzten und bekleidete damals das Amt des Team-Tierarztes der deutschen Endurance-Nationalmannschaft – warnte noch: „Mit dem kleinen Pony wirst du wahrscheinlich nur kurze Strecken reiten können, sonst machst du ihm die Beine kaputt“. Denn die waren, wen wundert’s, bei der Nachuntersuchung zwei Stunden nach diesem überraschenden Start-Ziel-Sieg, schon ein wenig angelaufen.

Mara Schima befolgte den Rat – zunächst. Beach Boy absolvierte kurze Strecken, landete aber immer unter den ersten Zehn. Und angelaufene Beine gab es auch nicht mehr. „Er ist kein Araber, natürlich hatten wir manchmal mit dem Puls zu tun“, sagt die Reiterin, aber sie wusste auch: Da ist mehr drin! – Der erste mittlere Distanzritt über 61 Kilometer war plötzlich gar kein Problem mehr, und schon kamen so viele Gesamtkilometer zusammen, dass Pony Beach Boy unter all den „Großen“ in der Berlin-Brandenburger Statistik der meist gelaufenen Pferde 2006 auf Platz 5 kam, 2007 sogar auf Platz 4. Und Mara Schima selbst trug der ewig Unterschätzte im Jahr 2006 auf Platz 5 in der Auswertung des Landepokals Berlin-Brandenburg im Jahr 2007 gar auf Rang zwei.

Im Jahr 2008, der unermüdliche Welsh-Araber war bereits erfolgreich auf langen Strecken bis 90 Kilometer unterwegs, verurteilte eine Herzentzündung in zur Zwangspause. Nach einer Saison Auszeit war der kleine Kämpfer mit dem großen Herzen jedoch schon wieder mit von der Partie. „Sein Herz war stärker als je zuvor!“, sagt Mara und setzte Beach Boy jetzt weniger auf kurzen, schnellen Strecken, sondern zunehmend auf langen und Mehrtagesritten ein. Der kleine Flitzer wurde zum Kilometersammler. Für die kommende Saison hat Mara Schima sich vorgenommen, mit ihm die 4000er-Marke zu knacken.

Glien_Aman

„Wenn man richtig mitmischen will“, wusste Mara jedoch längst, „muss man einen Araber haben.“ Und so kam im Jahr 2002 Aman ins Spiel. Per Annonce entdeckt, auf Fotos gesehen – und zunächst für zu leicht befunden, da abgemagert und ungepflegt: ein kleiner, schmaler Jährlingshengst, der auf den ersten Blick nicht viel zu bieten hatte. „Aus Frust“ habe sie die Fotos einer befreundeten Araberzüchterin, Gabriele Borowicz, gezeigt, sagt Mara, und die habe sich das Pedigree angesehen und gesagt: „Unbesehen kaufen!“ Ganz unbesehen hat Mara Schima den Fuchs dann zwar nicht gekauft, vielmehr trotz einer Ankaufsuntersuchung, bei der das Pferd wegen schweren Maukebefalls auf allen Vieren lahmte. Es war das Wesen des Vollblutarabers, das Mara sofort für sich eingenommen hatte. Brav und geduldig hätte er im Regen neben ihr gestanden, während sie sich mit seinem Verkäufer unterhielt. Hengst blieb er freilich nicht lange, da hatte sie ihre Erfahrungen gemacht. Im Jahr 2006 stellte sie ihn zunächst bei kleineren Ritten vor, und gemeinsam tasteten sie sich allmählich an größere Aufgaben heran. Im Jahr 2011 erfolgte der erste internationale Start beim CEI1* über 81 km in Glien (Platz 7). Ebenfalls unter CEI-Bedingungen, allerdings nur über 60 km, jedoch auf schwerstem Geläuf, gelang 2012 ein Sieg in Nörten-Hardenberg, und im gleichen Jahr kam das Paar dem Landesmeistertitel auf Platz 4 schon erheblich nahe. In der vergangenen Saison setzten die beiden einen ersten Glanzpunkt mit einem zweiten Platz beim CEN über 90 km im Rahmen einer FEI-Veranstaltung in Göttingen-Holzerode, und konnten dann mit einem Sieg in der nationalen 121-Kilometer-Prüfung, die als Begleitritt zur Deutschen Meisterschaft im Juni in Paaren/Glien ausgetragen wurde, punkten, wobei es obendrein noch den Konditionspreis für Aman gab. Nur ganz knapp verfehlten Mara Schima und Aman in der letzten Saison den Sieg in der Wertung des Landespokals Berlin-Brandenburg. Vor ihr lag nur noch Marcus Kirchner mit Zargun – ein Paar, das genau genommen in Mecklenburg zuhause ist.

Dass Mara Schima offenbar ein ganz besonderes Händchen für die Kleinen hat, zeigt auch Beach Boys Stallgefährte Jasper. Den 1,38 m kleinen Knabstrupper hat sie nie selbst in einer Prüfung geritten, sondern ihrer Jugendreiterin Carla Lakenbrink zur Verfügung gestellt, die mit Jasper zahlreiche lange Distanzritte erfolgreich bestritt. Im Jahr 2011 wurde sie mit ihm Landes-Jugendmeister und im Jahr darauf Vize. Carla könnte zwar theoretisch noch zwei Jahre lang als Junge Reiterin starten, doch ist sie dem kleinen Schimmel mittlerweile entwachsen und konzentriert sich auf ihr Medizinstudium.

Damit es jedoch nicht langweilig wird, hat Mara Schima bereits Nachwuchs im Stall: ihr Berittpferd Shattal. Der Vollblutaraber, der, wie Mara selbst sagt, noch sehr unsicher, ihr daher aber umso mehr ans Herz gewachsen ist, hat mit sieben Jahr in dieser Saison nun auch das richtige Alter für die lange Strecke erreicht …