Michaela Wilczek, Landestrainerin Distanzsport, zur Corona-Krise 2020

Die Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin, die auch den Sportbetrieb in Reitvereinen untersagt, hat mich zunächst als Vorsitzende des Reitclub Grunewald e.V. getroffen. Wir haben sofort den Schulbetrieb eingestellt, eine Ausnahmeregelung für die Not-Bewegung der Pferde beantragt etc. Das war ein hoher organisatorischer Aufwand. Hinzu kamen die Ängste unserer Mitarbeiter und Mitglieder. Nach dem ersten Schock gab es eine Phase der Neuorientierung mit unseren Vereinsmitgliedern, die anfangs noch gedacht haben, dass sie die Pferde und Ponys noch besuchen können. Das war schon ein starker Cut, gefolgt von den finanziellen Sorgen, denn die Pferde müssen ja trotzdem versorgt werden, wir müssen unsere Mitarbeiter, Futter und die weiteren Betriebskosten zahlen, haben jetzt jedoch keine Einnahmen aus dem Reitunterricht mehr. An dem Punkt wurde mir, unabhängig vom Reitsport, die gesamte gesellschaftliche Tragweite bewusst. Gleichzeitig müssen wir die Menschen vor Ansteckung schützen, was eben auch heißt, dass nicht mehr als 4 Personen gleichzeitig auf unserem Vereinsgelände sein dürfen. Dann kamen die Kontakteinschränkungen. Für mich persönlich heißt das zum Beispiel, dass ich mit meinen Eltern nur noch telefonieren oder vom Balkon zuwinken kann. Den Einkauf stelle ich auf der Treppe ab.

Ich bin im Sport sehr gut vernetzt, beispielsweise auch mit „Athleten Deutschland e.V.“, dem Zusammenschluss von Spitzensportlern und ihren VertreterInnen aus allen Sportarten. Wir hatten sofort eine Telefonkonferenz zur aktuellen Lage. Anfangs gab es noch die Frage: „Wie kann man weitertrainieren, obwohl die Sportstätten geschlossen sind?“ Dann folgte ziemlich rasch das Umdenken und die Athleten sagten: „Wir können jetzt nicht an Olympia oder Weltmeisterschaften denken. Je früher Klarheit für die Athletinnen und Athleten besteht, die ja auch alle ihre Qualifikationen und Sichtungswege bestreiten müssen, umso besser.

Für mich steht fest, dass es jetzt gesellschaftlich andere Themen gibt als individuelle sportliche Höhepunkte zu planen. Dadurch war auch für mich klar, dass der geplante Start mit meinem Nachwuchspferd Gold Boy bei der Weltmeisterschaft der Jungen Distanzpferde in Spanien in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr möglich sein wird. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, wie wir uns darauf gewissenhaft vorbereiten sollten, da auch die meisten Qualifikationsritte-Ritte abgesagt wurden. Wir haben daraufhin im Team beschlossen: Beschlag runter, abtrainieren! Das Abtrainieren ist vor allem für auftrainierten Langstreckenpferde wichtig, sonst drohen gesundheitliche Schäden. Wir haben in Kooperation mit unserem Tierarzt einen Plan für die drei für 120 km vorbereiteten Pferde erstellt. Die Pferde bleiben weiterhin in Bewegung. Jedes Pferd darf ja auch seinen individuellen Bedürfnissen gemäß noch bewegt werden. Aber von Training und Wettkampfvorbereitung für ein Langstreckenpferd kann nicht mehr die Rede sein.

Natürlich herrschen bei jedem Reiter andere Gegebenheiten. Wer die Pferde hinterm Haus hat und direkt in den Wald reiten kann, hat da noch größere Freiheiten. Dann greift aber auch der Punkt, dass wir angehalten sind, risikoarm zu reiten, um nicht unnötig Krankenhauskapazitäten zu belasten. Mit unseren Pferden machen wir jetzt viel Basisarbeit, und das ist dann wieder positiv, denn jedes Distanzpferd braucht diese gymnastizierende Arbeit. Oder wir üben Gehorsam, wie zum Beispiel, als (noch) auftrainiertes Pferd Schritt am langen Zügel zu gehen. Auch das ist wertvoll. Wir wissen ja auch nicht, wann es überhaupt wieder die nächsten Wettkämpfe geben wird. Ich muss eine ordentliche Trainingsplanung an einem Ziel ausrichten können. Und Ziele sind jetzt aktuell nicht mehr zeitlich definiert. Ich kann versuchen, das Pferd grundsätzlich in Bewegung zu halten. Dies ist wichtig, damit wir, wenn der Startschuss fällt und es wieder los geht, nicht von Null anfangen müssen. Beim Training von Kurzstreckenpferden und bei Einsteigern – im Grunde sollte jedes normal gerittene Pferd in der Lage sein, im Wettkampf 40 Kilometer in moderatem Tempo zu gehen – werden nicht so große Veränderungen zu bemerken sein. Ich denke, diese Bewegung ist wichtig für die Gesundheit aller Pferde und auch für uns Reiter, denen das Pferd ein seelischer Anker in dieser Zeit ist.

Nun dürfen wir Trainer momentan keinen Reitunterricht geben. Gerade in einer Zeit, in der man super auf dem Platz arbeiten könnte, sind uns die Hände gebunden. Deshalb haben wir Online-Seminare ins Leben gerufen, die jeden Freitag um 19 Uhr stattfinden. Jetzt haben wir die große Chance und Zeit, uns mehr mit der Theorie zu beschäftigen, um hier Basiswissen zu festigen für die praktische Arbeit mit dem eigenen Pferd. Dies wird auch sehr stark nachgefragt – wir hatten auch bereits Teilnehmende aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus Italien, Österreich, Dänemark und der Schweiz. Man kann sich zum Beispiel als Lernziel setzen, den ersten eigenen Trainingsplan zu erstellen. Ich sehe immer gerne die Chancen und jetzt besteht eben die Chance der Weiterbildung.

Was nun Wettbewerbe in dieser Saison angeht, gibt es meinerseits zwei Antworten, einmal meine ganz persönliche: Ich plane gerne, und im Moment herrscht eine ganz große terminliche Unsicherheit, sodass ich dann auch nichts ins Blaue hineinplanen möchte. Als Veranstalter von „Mut zur Strecke“ hoffe ich natürlich, dass wir im November vielleicht kurze Strecken anbieten können, auch, damit die Gemeinschaft der Distanzreiter wieder zusammenfinden kann, sofern das dann wieder ohne gesundheitliche Risiken möglich ist. Aus sportlicher Sicht denke ich persönlich, dass wir in dieser Saison erst wieder über längere Strecken auf Wettkämpfen nachdenken sollten, wenn klar ist, ab wann wir das Training wieder aufnehmen können. Einmal wegen der Chancengleichheit – alle Reiter im Bundesgebiet, unabhängig davon wo und wie sie ihre Pferde halten, müssen in der Lage sein trainieren und nicht „nur bewegen“ zu können. Außerdem kommt hinzu, dass die Reiter sich derzeit nicht qualifizieren können, weil eben keine Wettkämpfe stattfinden. Erst wenn diese Möglichkeiten wieder gegeben sind, bieten Wettkämpfe die Chance zur Teilnahme von allen Reitern. Getreu unserem Motto als Distanzreiter „Alle Reiter, alle Pferde“. Der zweite Aspekt ist der Tierschutz. Hier laufen wir Gefahr, dass wir vielleicht Pferde auf den Wettkämpfen finden, die auf Grund der aktuellen Situation nicht gewissenhaft genug für die längeren Strecken auftrainiert wurden. D.h. für mich bestimmt der Zeitpunkt, wann wir wieder trainieren dürfen, den Zeitpunkt ab wann Wettkämpfe wieder Sinn machen. Bis dahin steht die Gesundheit unserer Pferde durch sinnvolle Bewegung und aber vor allem unser aller Gesundheit im Zentrum.

Aufgezeichnet von Miriam Lewin am 10.04.2020